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Feierliche Umbenennung des Festsaals der Fakultät Wirtschaftswissenschaften


Die Performance der Pink&Silver-Crew „axracl“

An der Technischen Universität Dresden wurde heute, am 22. 05. 2006, durch VetreterInnen der Antifaschistischen Hochschulgruppe und der StudentInnenschaft der Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften in „Franz-Bänsch-Saal“ umbenannt.

Seit über einem Jahr führt die AHSG eine Auseinandersetzung mit der TU Dresden um die Person Otto Beisheims. Der Multimilliardär ist großzügiger Spender der Fakultät Wirtschaftswissenschaften und bekam dafür die Ehrendoktorwürde der Universität verliehen. Des weiteren wurde bereits zu Beginn der neunziger Jahre der Festsaal der Fakultät nach dem Spender benannt. Was die TU Dresden nicht gerne hört, ist die Tatsache das genau dieser Otto Beisheim von 1942 bis 1945 in der „1. SS-Panzerdivision Leibstandarte SS Adolf Hitler“ unter der Kennungsmarke „976 3./A.E.R“ Dienst geleistet hat. Diese Eliteeinheit der Waffen-SS war an zahlreichen Verbrechen beteiligt. Die AHSG forderte deshalb: die Umbenennung des Festsaales, die Aberkennung der Ehrendoktorwürde und eine öffentliche Auseinandersetzung der TU Dresden mit Otto Beisheim und der NS-Geschichte.

Insbesondere die an der TU sehr einflussreiche Beisheim-Stiftung mit ihrem Dresdner Schirmherr Professor Stefan Müller tat sich dabei hervor, diesen Forderungen mit unverschämten Behauptungen entgegen zu wirken. Nach verschiedenen Aktionsformen und Aufforderungen an die TU, die unterschiedliche Reaktionen hervorriefen, hat die AHSG es nun selbst in die Hand genommen und den Saal umbenannt.

Ein Sektempfang und Showeinlagen der Pink&Silver-Crew axracl umrahmten die Veranstaltung, an der etwa 50 Personen teilnahmen. Bei der feierlichen Umbenennung wurden Reden zur NS- Geschichte der TU Dresden, zu Otto Beisheim und zum neuen Namensgeber Franz Bänsch verlesen.

Der ehemalige „Otto-Beisheim-Saal“ war von 1933 bis 1945 die Gefängniskapelle der NS-Haft- und Hinrichtungsstätte Münchner Platz. Mehrere hundert Menschen gingen durch diesen Raum, bevor sie im Innenhof der Gefängnisanlage von den Nazis hingerichtet wurden. Pater Franz Bänsch war zu dieser Zeit Gefängnisseelsorger und übermittelte Angehörigen ausländischer Todeskandidaten entgegen dem Dienstrecht letzte Nachrichten. Dem Zwangsarbeiter Rudi Greve verschaffte er am 13. Februar 1945 einen sicheren Unterschlupf. Einen Tag vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee holte er die letzten 4 Todeskandidaten aus dem Gefängnis und beherbergte sie. Der Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften wird in Zukunft einen Namen tragen, der seinem historischen Ort gerecht wird.

Artikel mit weiteren Infos zur Umbenennung unter http://de.indymedia.org/2006/05/147843.shtml

Offener Brief zu Dirk Schulzes Artikel über die Beisheim-Kampagne

Werter Dirk Schulze, hier einige Anmerkungen zu Ihrem SZ-Artikel „Streit um den Stifter“ vom 6.12.05.
Zuallererst vielen Dank, dass Sie die Mühen der umfassenden Recherche bei allen Beteiligten nicht gescheut haben. Bei einem solchen Thema würde eine einseitige Berichterstattung nicht verwundern.

Nun zur Kritik. Dieser Artikel bringt das Anliegen unserer Kampagne, der deutschen NS-Vergangenheit statt mit abschliessender Musealisierung mit offener Kritik zu begegnen, soweit in die Öffentlichkeit wie die Darstellung Hitlers als Spielfilm(anti)held in „Der Untergang“ eine Reflexion auf den NS möglich macht.

Sie unterstellen uns einerseits implizit dogmatischen Realitätsverlust, da Sie die Änderung unserer Beschreibung der Sachlage nicht aufnehmen, und verleugnen andererseits die moralischen Konsequenzen Ihrer journalistische Arbeit.

Ihre ungenaue Wiedergabe unsere Forderungen bezüglich der Position Beisheims in der Waffen-SS hat uns deshalb nach den mehrmaligen Interviews verständlicherweise verwundert. Bis zum Einblick in die Forschungsergebnisse des Instituts für Zeitgeschichte rund um das Gymnasium Tegernsee im vergangenen Oktober sind wir mit Michael Radtke davon ausgegangen, dass Otto Beisheim Scharführer war. Die Offenlegung der historischen Dokumente (Deutschen Dienststelle zur Benachrichtigung der nächsten Angehörigen etc.) stellt für uns keine grundsätzliche Änderung unserer Position zu Beisheim generell, an der TUD, sowie zur Einforderung einer Diskussion um TäterInnenschaft im NS dar.

In Ihrer Darstellung der Auseinandersetzungen an der TUD erscheint es allerdings so, dass unsere Anklage gegen unwidersprochene Anführerschaft gerichtet ist. Uns geht es aber im Gegenteil darum, TäterInnenschaft auch ohne Bezug auf institutionelle Rangordnungen zur Sprache zu bringen und daraus Konsequenzen für die heutige Gesellschaft zu ziehen. In unseren Ihnen zur Verfügung stehenden Flugblättern und Offenen Briefen, sowie in den mit Ihnen im Vorfeld geführten Interviews formulierten wir: „Geht es nach der unerträglichen herrschenden Geschichtsauffassung, gab es im NS nur wenige EinzeltäterInnen und ihr Opfer, die deutsche Zivilbevölkerung. Der NS bestand natürlich nur aus ersteren, deren Verantwortlichkeit an der Zahl der Sterne auf den Schulterklappen und an der Büroetage im Ministerium oder der Behörde erkennbar ist.“ Damit wurde und wird gerade eine Zivilbevölkerung, die Kategorie, in die Beisheim durch seinen geschichtswissenshcaftlichen Abstieg nun in die diskursive Versenkung rutschte, von Schuld und der Reflexion auf ihr Mitwirken am NS freigespochen. Dies geschieht auch aus einer Tradition des politischen Selbstverständnisses heraus, die heute noch besteht.

Denn, nun zum zweiten Teil unserer Kritik, zum anderen lässt sich solch ein moralisch besetztes Thema nicht ohne Reflexion auf individuelle Verantwortlichkeit behandeln. Das meint zum einen die Unterstützung und Schuld von „Zivilbevölkerung“ des Zustandekommens von repressiven Verhältnissen autoritärer Regime wie dem NS, zum anderen aktuelles Engagement in politischen und sozialen Fragen wie dem Umgang mit Rassismus und Antisemitismus und der Zunahme neonazistischer Einstellungen. Genau dafür bedarf es einer öffentlichen Auseinandersetzung, um nicht zu sagen einer kritischen Öffentlichkeit. Die Fehler, die auch in der journalistische Arbeit erst vor kurzem während der Kommunal- und Landtagswahlen gemacht wurden, nämlich nicht zu berichten, weil man sich als JournalistIn unfähig sah die einfache Beschreibung von Naziideologie auch so grundsätzlich zu kommentieren, dass einer liberalen Presse kein lapidarer Umgang mit der Aushebelung bürgerlicher Rechte und Freiheiten unterstellt werden konnte.

Und weil der bejubelte Schlussstrich unter der NS-Vergangenheit offiziell schon seit Jahrzehnten gezogen scheint, hat keine die Courage, das ein- oder mehrdeutige Auftreten von Nazi-Ideologie nicht wegzuignorieren, sondern zuzugeben, dass Geschichte doch nicht einfach so mit Entnazifizierungslehrgängen zu bewältigt ist. Dieser 60jährige Mantel des Schweigens erdrückt jeden Diskussionsansatz, und genau unter dieser Decke haben Sie sich mit Ihrem Artikel auch nicht hervorgewagt.

Der Originalartikel aus der Sächsischen Zeitung


Streit um den Stifter

Von Dirk Schulze

Debatte. An der TU wird über die Vergangenheit eines Gönners diskutiert.

„Otto Beisheim Saal“ . elf Jahre lang hing das Schild am Eingang des Festsaals der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität. Nun ist es Gegenstand eines Streits. Die Antifaschistische Hochschulgruppe startete im Sommersemester eine Kampagne, in der sie die Umbenennung forderte. Begründung: Beisheims Vergangenheit im Nationalsozialismus sei ungeklärt. Außerdem müsse ihm die Ehrendoktorwürde der TU, die er seit 1993 trägt, aberkannt werden. Der Multimilliardär unterstützt die Uni über seine Stiftung (siehe Kasten).

Der im vergangenen Jahr gegründete Zusammenschluss linker Studenten stützt seine Forderungen unter anderem auf ein Buch des Journalisten Michael Radtke. Der schreibt: „Beisheim muss Scharführer der Waffen-SS, Leibstandarte Adolf Hitler, gewesen sein.“ Der Namensgeber, so die Argumentation der Gruppe, sei dieser Darstellung bisher nicht entgegengetreten. Sein Lebenslauf weise für die Jahre 1941 bis 1949 eine Lücke auf.

Schild wurde ausgetauscht

In den Semesterferien wurde das Schild durch eine Tafel mit der Aufschrift „Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften“ ersetzt. Kurz darauf hing das alte Schild wieder – direkt neben dem neuen. Nun gibt es ein drittes Schild, in welches beide Namen graviert sind.

Neben der Hochschulgruppe hatte auch der Fachschaftsrat der Wirtschaftsstudenten die Umbenennung beantragt. Doch damit haben die Änderungen der Fakultät zufolge nichts zu tun: „Das Schild wurde abgenommen, weil es immer wieder Irritationen gab“, sagt Wolfgang Uhr, Dekan der Fakultät. Gäste, in deren Einladungen vom „Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften“ die Rede war, hätten verwirrt vor dem Schild „Otto Beisheim Saal“ gestanden.

Otto Beisheim war Angehöriger der Waffen-SS. Das bestätigt indes die Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin der SZ. Laut einer im Original vorliegenden Verlustmeldung wurde er im Juli 1943 als Soldat der „8. Batterie des Artillerie-Regiments Leibstandarte-SS-Adolf-Hitler“ in Russland verwundet. Er diente dort als SS-Kanonier und SS-Sturmmann – ein Mannschaftsdienstgrad, der dem Rang eines Wehrmachtsgefreiten entsprach.

Die Leibstandarte war eine ideologisch besonders geschulte Eliteeinheit, die an Brennpunkten des Krieges eingesetzt wurde, erklärt Rolf-Dieter Müller, wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam. Zunächst nur aus Freiwilligen bestehend, gab es im Laufe des Krieges auch Zwangsverpflichtungen. „Als Artillerist ist die Wahrscheinlichkeit, dass er an verbrecherischen Aktionen beteiligt war, gering einzuschätzen“, sagt der Historiker. Die Artillerie habe hinter den Gräben gestanden und selten direkten Feindkontakt gehabt.

Stiftung spricht von Kampagne

Die Stiftung selbst spricht von einer Verleumdungskampagne. Die Aussage, Beisheim sei „Scharführer bei der Waffen-SS“ gewesen, sei falsch. „Richtig ist, dass Otto Beisheim nicht einmal Mitglied der NSDAP war und regulär zum Wehrdienst einberufen wurde, das heißt, sich auch nicht freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hat“, erklärt Stiftungsvorsitzender Erich Greipl zu den Vorwürfen.

Für die TU steht eine Überprüfung der Ehrendoktorwürde nicht zur Debatte. „Alles, was wir haben, sind Anschuldigungen“, sagt Sprecherin Kim-Astrid Magister. Es gelte die Unschuldsvermutung. Ähnlich sieht es Dekan Uhr: „Ich persönlich kenne keine Beweise. Ich weiß nicht, ob Herr Beisheim zur Waffen-SS eingezogen wurde und kann daher dazu auch nicht Stellung nehmen.“ Selbst wenn es so wäre, sei das kein Grund, ihn vorschnell zu verurteilen. „Etwas ganz anderes wäre ein Beleg, dass jemand an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war.“ Den aber gibt es nicht.

Sächsische Zeitung vom 6. 12. 2005

Es wird weiter gesägt: an der Ehrendoktorwürde Beisheims!

Um den Ehrendoktor der TU Dresden Otto Beisheim ist seit mehreren Monaten eine Auseinandersetzung zwischen der Antifa-Hochschulgruppe und der Leitung der Fakultät Wirtschaftswissenschaften im Gange. Hintergrund dieser ist die NS-Vergangenheit Beisheims. Aufgrund dieser wird die Umbenennung des nach Beisheim benannten Festsaals der Fakultät und die Aberkennung seiner Ehrendoktorwürde gefordert.

Kann denn Jugend Sünde sein?

Der 1924 in der Nähe von Essen geborene Otto Beisheim trat bereits im zarten Alter von 17 Jahren der „Leibstandarte Adolf Hitler“ bei. „Dienststellen des Bundes [bestätigen], dass Otto Beisheim Angehöriger der Waffen-SS war. Laut der ‚Deutschen Dienststelle zur Benachrichtigung der nächsten Angehörigen‘ in Berlin wurde er zumindest in den letzten drei Kriegsjahren unter der Kennungsmarke ‚976 3./A.E.R‘ geführt. Dienst geleistet hat er – so sagen es auch zwei Dokumente des Bundesarchivs – unter anderem im SS-Artillerieregiment, das Teil der so genannten ‚1. SS-Panzerdivision Leibstandarte SS Adolf Hitler‘ war.“ 1)
Nach eigenen Angaben wurde Beisheim zu diesem Dienst zwangsrekrutiert, was Beisheim dabei allerdings verschweigt, ist, dass es nach dem ersten Monat der SS-Ausbildung die Möglichkeit gab, einen Antrag auf freiwillige Entlassung aus dem SS-Dienst zu stellen. 2)

Diese Möglichkeit nahm Beisheim offensichtlich nicht wahr.
Die „Leibstandarte“ war eine direkt auf Adolf Hitler eingeschworene Einheit, die diesem anfangs als persönliche Leibgarde dienen sollte. Im Verlauf des 2. Weltkriegs wurde sie zu einer SS-Panzerdivision umfunktioniert, welche durch „ihre innere Disziplin, ihr frisches Draufgängertum, ihre fröhliche Unternehmenslust, ihre durch nichts zu erschütternde Krisenfestigkeit […] vorbildlich und durch nichts zu übertreffen“ war. 3)

Sie war somit eine Eliteeinheit, die wiederholt bei Offensiven der deutschen Armee als „Stoßkeil“ diente. Neben vielen anderen Kriegsverbrechen sind unter anderem bei einer Vergeltungsaktion der Leibstandarte im April 1942 mehr als 4000 russische Menschen hingerichtet worden. Im September 1943 war Beisheims Division an einer Massenexekution und der lückenlosen Zerstörung der italienischen Stadt Boves aktiv beteiligt. Bei der Ardennen-Gegenoffensive 1944 wurden durch die Leibstandarte mindestens 71 verhaftete amerikanische Soldaten hingerichtet. 2)

Bis zum heutigen Tage hat Otto Beisheim weder zu der Rolle, die er in der Leibstandarte und somit im NS inne hatte, Auskünfte gegeben noch die Notwendigkeit gesehen, sich dafür zu entschuldigen.

Nach einer Ausbildung zum Großhandelskaufmann gründete Beisheim 1964 die „Metro Cash & Carry“-Gruppe, die als heutige Metro-AG mit zahlreichen Sparten wie Kaufhof Galeria, Media Markt/Saturn, Real, Extra und Praktiker einer der größten Einzelhandelskonzerne Europas ist. In Vallendar wurde eine ganze Universität nach ihrem Stifter Otto Beisheim benannt und am Potsdamer Platz in Berlin verewigte er sich durch den Bau eines gigantischen Hochhauskomplexes namens „Otto Beisheim – Center“.

Eine unendliche Geschichte

Bereits seit den frühen 90ern gilt Beisheim als einer der großzügigsten Spender der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der TU Dresden. Dies führte dazu, dass der Festsaal der Fakultät seinen Namen trägt und ihm 1993 sogar die Ehrendoktorwürde der TU Dresden verliehen wurde.

Im Juli 2005 sorgte ein Antrag der Antifa-Hochschulgruppe gemeinsam mit dem Fachschaftsrat Wirtschaftswissenschaften für Wirbel an der TU und führte dazu, dass das Schild am Festsaal der Fakultät vorübergehend entfernt wurde. Das begründete die Fakultätsleitung allerdings nicht mit der Vergangenheit Otto Beisheims, vielmehr sei die Benennung nach Beisheim lediglich ein formeller Verfahrensfehler, da Säle an der Tu nicht die Namen lebender Personen tragen sollen. Kurze Zeit später hing das Schild mit dem Namen Beisheims jedoch wieder am Saal, ohne irgendeine Erklärung von offizieller Seite dazu. Es kann nur gemutmaßt werden, dass das Schild auf Grund einer Intervention der „Otto Beisheim Stiftung“, die an der TU Dresden durch Herrn Prof. Müller (Lehrstuhlinhaber Marketing) vertreten wird, in einer Nacht- und Nebel- Aktion wieder anmontiert wurde. Die Forderungen der Antifa Hochschulgruppe wurden anschließend durch offene Briefe und Pressemitteilungen gegenüber der Fakultät und dem Rektorat nochmals bekräftigt: Umbenneung des Festsaals und die Aberkennung der Ehrendoktorwürde Beisheims. Die Antworten lassen bis heute auf sich warten.

Im Vorfeld des alljährlich stattfindenden „Otto Beisheim Kolloquiums“ an der TU wurde auf Grund des Protestes der Hochschulgruppe Gesprächsbereitschaft von VertreterInnen der „Beisheim – Stiftung“ signalisiert. Im Nachhinein wird klar dass dieses Gesprächsangebot nur aus taktischen Erwägungen heraus vorgetäuscht wurde, um einen störungsfreien Ablauf des Kolloquiums sicherzustellen. Kaum war das Kolloquium vorbei kehrte die Fakultät Wirtschaftswissenschaften zu ihrem bekannten Verhalten, dem Totschweigen der Angelegenheit zurück.
Konstatiert werden kann, dass es bisher kein ehrliches Entgegenkommen der TU Dresden gibt. Nach wie vor trägt ein offizieller Festsaal der Universität den Namen eines NS- Täters, nach wie vor hat ein Mitglied der „Leibstandarte Adolf Hitler“ die Ehrendoktorwürde der TU Dresden. Diese Praxis des Aussitzens zielt augenscheinlich darauf ab, Beisheim in seiner Funktion als großzügigen Spender der TU nicht zu verärgern.

Die Angst an der TU ist durchaus begründet: so zog Otto Beisheim beispielsweise vor wenigen Wochen ein Spende in Höhe von 10 Millionen Euro an ein bayrisches Gymnasium am Tegernsee zurück, weil sich unter LehrerInnen und SchülerInnen Protest gegen eine Umbenennung in „Otto Beisheim – Gymnasium“ regte. Die Diskussionen um Beisheims Vergangenheit sind nichts wirklich neues: 1995 verhinderten StudentInnenproteste in Mannheim, dass er an der der dortigen Universität Ehrensenator werden konnte. An der TU Dresden interessiert man sich für solche Auseinandersetzungen vermutlich nicht.

Deutsche TäterInnen sind keine Opfer!

Otto Beisheim ist kein Einzelfall, sondern Teil des deutschen Geschichtsbewältigungsmusters: die Entnazifizierung versickerte sobald sich die politische und ökonomische Demokratie- Normalität wieder einstellte. Geht es nach der unerträglichen herrschenden Geschichtsauffassung, gab es im NS nur wenige EinzeltäterInnen und ihr Opfer, die deutsche Zivilbevölkerung. In diesem Diskurs besteht der NS nur aus ersteren, deren Verantwortlichkeit ist demnach erkennbar an der Zahl der Sterne auf den Schulterklappen und an der Büroetage im Ministerium oder der Behörde. Letztere, die Bevölkerung, heißt daraufhin in den Berichten nur Zivilbevölkerung und alles was sie zu erzählen hat, sind Geschichten von Angst, Bombardierung, Besatzung und Leid.

Beisheim ist kein Opfer, er ist Täter! Die Forderungen der Antifa Hochschulgruppe stehen nach wie vor im Raum: Die Ehrendoktorwürde der TU Dresden ist Otto Beisheim abzuerkennen! Der Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften muss umbenannt werden! Dem geht voraus, dass die TU Dresden endlich nachholt, was sie so gerne beiseite schiebt: die generelle Auseinandersetzung mit dem NS!


1) Max Hägler: „Beisheim darf Schulnamen doch kaufen“, taz Nr. 7821 vom 16. 11. 2005
2) George H. Stein: „The Waffen SS – Hitler’s Elite Guard at War 1939-1945″ (deutsche Übersetzung: „Die Geschichte der Waffen-SS“); Cornell University Press; Ithaca, New York; 1966
3) Danksagung des Befehlshabers des III. Panzerkorps, General Eberhard von Mackensen in einem unerbetenen Brief an Reichsführer-SS Himmler betreffend die „Leibstandarte Adolf Hitler“, zitiert nach 2)

Exklusiv: Die Beisheimsaal-Fotostory

Vorgeschichte

Mittlerweile scheint es an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften zum amüsanten und etablierten Brauch geworden zu sein, das Schild des Festsaals ebendieser (aka „Otto-Beisheim-Saal“) regelmäßig durch ein neues zu ersetzen. Mensch könnte als unbedarfte Person allerhöchstens mutmaßen, dies sei der Versuch der Verantwortlichen, den Betrachter_innen öfter mal was neues zu bieten – vielleicht zum Ausbau des jungdynamischen Images der Fakultät? – oder als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die darbende sächsische Schilderherstellungsindustrie gedacht.

Doch weit gefehlt! Hintergrund dieses skurrilen Geschehens ist eine Auseinandersetzung zwischen der Antifa-Hochschulgruppe und der Fakultät um die Vergangenheit des Namensgebers des Saals, Otto Beisheim. Der Multimillionär und Gründer der Metro-Gruppe war nämlich, wie mittlerweile auch durch offizielle Dokumente bestätigt, Mitglied der „Leibstandarte Adolf Hitler“ in der Waffen-SS.

Diese Faktenlage nahm die Antifa-Hochschulgruppe zum Anlass, die sofortige Umbenennung des Festsaals einzufordern. Darüber hinaus wurde die TU aufgefordert, Beisheim die ihm 1993 verliehene Ehrendoktorwürde abzusprechen – ist es doch unerträglich, dass nach einem NS-Täter nicht nur Festsäle benannt werden, sondern ihm auch noch akademische Würden angetragen werden.


Das ursprüngliche Schild des Festsaals

Es geht voran!

Auf einen gemeinsamen Antrag der Antifa-HSG und des Fachschaftsrats Wirtschaftswissenschaften hin wurde dann die Beschilderung auch gleich durch ein unverfängliches „Festsaal der Fakultät“ ersetzt – allerdings wurde dies nicht mit der NS-Täterschaft Beisheims begründet, es widerspreche lediglich den Regeln der TU, Orte nach noch lebenden Personen zu benennen. Daraus konnte die geneigte Person schlussfolgern, dass diese Umbeschilderung wohl weniger aus einem antifaschistischen Selbstverständnis der Verantwortlichen hervorging, sondern vielmehr aus Sorge um den Ruf der Fakultät.


Die zweite Version des Schildes: dezent, aber durchaus schick

… und wieder zurück

Zu früh gefreut: In den Semesterferien wurde die Beschilderung wieder geändert: das neutrale „Festsaal der Fakultät“ wurde wieder um „Otto-Beisheim-Saal“ erweitert. Von diesen Schildern gab es sogar zwei Versionen, die erste hing allerdings so kurz, dass es dem Fotograf_innen-Team der Antifa-HSG unmöglich war, sie abzulichten (daher sei es uns verziehen, dass diese – sich von der zweiten nur im Layout unterscheidende – auf dieser Site nicht abgebildet ist).


Gedächtnisskizze: So oder so ähnlich sah das dritte Schild aus

Über die Gründe dieser Kehrtwende kann nach wie vor nur spekuliert werden. So wäre es durchaus möglich, dass der erzürnte Beisheim nach dem Lesen des Indymedia-Berichts dazu beim Dekan der Fakultät anrief und mit der Einstellung seiner Spenden an die TU und einem Ende der Finanzierung des jährlich stattfindenden Otto-Beisheim-Kolloquiums drohte. Dabei scheint dann auch die oben erwähnte Regelung der TU betreffs Benennung von Örtlichkeiten nach lebenden Personen keine Rolle mehr gespielt zu haben…


Wieder mal mit Otto: Das mittlerweile vierte Schild

Und wie geht’s weiter?

Mensch könnte die Geschehnisse um den Festsaal zwar als skurrile Provinzposse abtun, allerdings tut das der Sache keinen Abbruch, dass der Saal nach wie vor nach einem NS-Täter (und nichts anderes ist mensch als Mitglied der Waffen-SS) benannt ist. Dies wird dadurch noch unerträglicher, dass jener Teil eines Gebäudes ist, das nach dem antifaschistischen Widerstandskämpfer Georg Schumann bennant ist.

Wir fordern daher: Ein fünftes Schild muss her! Und das ohne den Namen Otto Beisheims!

Kurzes Quellenverzeichnis zur Vergangenheit von Otto Beisheim