KEEP THE DREAM ALIVE – Redebeitrag 09.10.’10 Demo FG

Bei der Demo unter dem Motto „Aber hier leben? Nein danke!“ in Freiberg hat die AHSG wieder mal einen Redebeitrag gehalten. In Anlehnung an Bini Adamczaks inspirierende Bücher entstand der folgende Beitrag, der unser Bedürfen, Begehren und Träumen vom Kommunismus festhält… Der Bericht zur Demo wird sich auch auf dem Blog der Antifa Freiberg finden…

Vom Traum, der zum Versprechen wurde…

Der Materialismus, der den „quälbaren Leib“ als Ausgangspunkt nahm für eine Analyse der Gesellschaft und deren Geschichte, vielmehr aber noch deren Kritik, ließ eine Idee erwachsen, zu der in diesem Beitrag einige Worte verloren werden sollen. Es war die jenige, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“(1), um die etwas schal gewordenen Worte von Karl Marx zu verwenden – die Befreiung vom gesellschaftlich verursachten Leid, die zum Versprechen wurde durch jene, die diese Befreiung am stärksten herbeisehnten.
„Nicht wie die Sklavinnen, die nur so frei sein wollten, wie ihre Herrinnen, nicht wie die Bäuerinnen, die nur den Zehnten zahlen wollten und nicht den fünften, nicht wie die Bürgerinnen, die nur die politische Freiheit wollten und nicht die ökonomische – die klassenlose Gesellschaft haben die Arbeiterinnen verlangt. Die Abschaffung aller Herrschaft haben die Kommunistinnen versprochen. Und so lange sie erinnert werden, werden sie nie mehr aufhören sie versprochen zu haben“(2), lauten die epischen Worte Bini Adamczaks (in ihrem Buch Gestern Morgen) über jene Kommunistinnen. Diesen Worten wohnt auch ihr Gegenpart schon inne, den sie den bürgerlichen resignativen Realismus nennt, dessen Losung ist: „die Menschen sind schlecht geboren“. Dieser traurige Realismus, der behauptet „die zu verteidigende Welt sei zwar nicht die beste aller möglichen, wohl aber die beste aller existierenden“, sagt alles aus über die Mentalität des proklamierten Endes der Geschichte, des vermeintlich entgültigen Sieges des Kapitalismus. Doch nicht gewonnen hätten die Antikommunistinnen, so Adamczak, sondern sich ergeben – nämlich „in die Unabänderlichkeit des Schicksals“(3) – und aufgegeben – nämlich ihre Träume.
Die Genugtuung der Siegerinnen, die Moral der Geschichte lautet, Nationalsozialismus und Stalinismus, das war nun einmal das Jahrhundert der Kriege – oder in einer anderen revisionistischen Deutung – der europäische Bürgerkrieg(4), oder in deutscher Lieblings-Manier einfach: der Totalitarismus. Dessen besonderes Opfer Deutschland ist, dessen Lieblingsopfer die Deutschen. Bei gutem Willen wird der Nationalsozialismus pflichtschuldig noch als Zivilisationsbruch gedeutet, am liebsten jedoch weniger dramatisch, als Hitler’s Verbrecherbande. Die DDR und der Stalinismus, werden schlicht zu Unrechtsstaat und Willkürherrschaft. Täterinnen gibt es in beiden meist nur in einer weit entfernten, ungreifbaren Region menschlicher Fantasie. So sieht die bittere Realität heute aus, nach dem die Zukunft der Menschen scheinbar verwirkt ist. Dazu trug aber der Stalinismus auch so irreparabel bei, dass er von uns als „Verbrechen an der Zukunft der Menschheit“(5) verstanden werden muss. Die Täterinnen im Namen des Kommunismus zu benennen und das Erbe ihrer Bewegung anzunehmen, ist nicht weniger Pflicht der heutigen Kommunistinnen, wie gegen die Verharmlosung des NS durch Gleichsetzung mit der DDR aufzubegehren oder gegen die Entlastung der Täterinnen des NS aufzuschreien.

Bini Adamczak schreibt: „Auf die antikommunistische Kritik reagieren Kommunistinnen mit Verteidigung – es sei nicht alles am Kommunismus schlimm –, mit Abwehr – das sei überhaupt kein Kommunismus gewesen – oder mit Angriff – die Kritik der kommunistischen Verbrechen diene nur der Legitimation der Verbrechen seiner Feinde. Jedes Mal haben sie recht. Aber was über den Kommunismus ist gesagt damit…?“
„Ein unbedarft fröhliches Fortschreiben der Gegenwart, […] durch jene, die von einem Traum der Zukunft träumen, der sich selbst neu zu träumen in der Lage wäre, der unbelastet von den Albträumen der Vergangeheit bei Null beginnen könnte. Freie Wahl einer Terminologie! Oder auch nur eines neuen Namens, eines unbeschmutzten Namens“ für das Projekt der Emanzipation. „Als könnte einer neuer Name hier mehr leisten… Aber durch das Verdrängen der Taten der Kommunistinnen der Vergangenheit versucht man nur einen Traum rein zu halten von der Geschichte der Macht und den Kämpfen um sie, gibt sich der Illusion einer unschuldigen Position hin, die von vorne, bei Null anzufangen können glaubt. Durch dieses Leugnen und Verdrängen, die Flucht vor der Geschichte, werden die von Kommunistinnen gemordeten Kommunistinnen der Vergangenheit doppelt sinnlos gestorben sein, werden sie heute ein zweites Mal verraten.

Das alles wird, gemessen an dem, was hätte werden können, noch grausamer, weil sie diejenigen waren, die aufgetreten, Herrschaft, Unvernunft, Verdinglichung, Barbarei, all das abzuschaffen, was nun, grausamerweise, bis heute fort besteht:
Die kapitalistische Gesellschaft gründet auf der Produktion und dem Tausch von Waren und der damit verbundenen Art zu denken. In der zur „zweiten Natur“ gewordenen Warenproduktion scheint die Tatsache, dass jedem Produkt menschlicher Tätigkeit ein ökonomischer Wert zukomme, eine mit der physikalischen Masse vergleichbare Natureigenschaft der Dinge. Dass sich darin ein gesellschaftliches Verhältnis, nämlich das der von Menschen selbst erzeugten Unterwerfung unter die Eigenlogik abstrakter Kategorien, ausdrückt, ist ihnen nicht bewusst. Die Warengesellschaft formiert sich „hinter den Rücken und über den Köpfen“ der Warenproduzentinnen, d.h. fetischistisch: die Menschen im Kapitalismus werden politisch und ökonomisch von einem Zusammenhang beherrscht, der für sie selbst unverstanden bleibt.(6) Die Menschen sind gezwungen, ihre eigene Arbeitskraft zu verkaufen, Lohnarbeit zu verrichten, sich in eine aufreibende Konkurrenz um Arbeitsplätze zu begeben und Waren für den Markt zu produzieren. Dabei ist die Produktion nicht an der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse orientiert, sondern produziert, um Wert zu vermehren, welcher dann als Kapital wieder investiert wird. Der einzelne Mensch, zwar formal frei, ist gefangen in Sachzwängen, beherrscht von den verdinglichten Verhältnissen, vereinzelt, von seiner zu verkaufenden Ware entfremdet.
„Der Kommunismus ist die wirkliche Bewegung, die den bestehenden Zustand aufhebt“(7), also die Erlösung von der gesellschaftlichen Unfreiheit, den sich die Kommunistinnen auf ihre Fahnen schrieben, die die Leichentücher ihrer Freunde waren. „Das Versprechen hält an, weil es uneingelöst ist. Deswegen lässt es sich sammeln und einspeisen in ein Begehren […]. Kommunistische Begierde, die durch keinen vorauseilenden Gehorsam gegenüber einer gewissen Wirklichkeit sich mehr wird mäßigen lassen“(8), um noch einmal Adamczaks hoffnungsvolle Worte zu verwenden.
Dennoch: den Aber-Millionen von Menschen, denen es dreckig geht, kommt eben nicht der Gedanke an die ökonomischen Verhältnisse in den Sinn. Das hat vielerlei Gründe. Der Frage nach diesen Gründen hat sich v.a. die Kritische Theorie angenommen. Sie hat viele Antworten im Bereich der Psychologie und auch der Ideologie gefunden. Doch, handelte es sich, wie auch Bini Adamczak meint, – „nach den Revolutionen des 20. Jahrhunderts – bei der Skepsis gegenüber allen kommunistischen Versprechungen lediglich um falsches Bewusstsein und nicht vielmehr um richtiges?“(9)
Wie also eine Idee vermitteln, die angesichts der in ihrem Namen begangenen Verbrechen in besonderen Verruf geraten ist?
Der angesichts der Schwäche von uns heutigen Kommunistinnen, die wir ein schweres Erbe angetreten haben, gebotene Sinn für die Realität – im Gegensatz zum erwähnten bürgerlichen Realismus – kann uns nur feststellen lassen, dass uns keine bedeutendere Aufgabe zufällt und keine größeren Ambitionen bescheiden sind, als einen Traum durch die Geschichte zu retten, ihn am Leben zu erhalten. Das mag Grund sein, die Hoffnung zu verlieren, nicht jedoch ein Grund, aufzuhören, mit dem, was uns, Kommunistinnen, bewegt, nämlich Menschen zu bewegen, sich ihrer gesellschaftlichen Zwänge, ihres materiellen Elends, ihrer Entfremdung und Unfreiheit zu entledigen. Und wenn schon nicht diese Idee grund genug ist, hoffnungsvoll zu sein, so bleibt eines dennoch richtig und nicht zu vergessen, nämlich, dass, auch wenn es kein richtiges Leben im Falschen gibt, es nie falsch ist, das richtige zu tun.
In diesem Sinne:

KEEP THE DREAM ALIVE !
COMMUNISM!

(1) Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. Marx-Engels-Werke (MEW) 1, S. 385
(2) Bini Adamczak: Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft. Unrast Verlag, Münster. S. 79f.
(3) Ebd.
(4) In einem seiner Werke (Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus) bezeichnete der aus dem „Historikerstreit“ berüchtigte Ernst Nolte die Zeit von 1917 bis 1945 als „europäischen Bürgerkrieg“; eine Festschrift auf besagten Autor trägt gar den Namen Weltbürgerkrieg.
(5) Ulrich Knaudt : Das Wertgesetz und der Sozialismus im 20. Jahrhundert – Seine Auswirkungen auf die gesellschaftliche Praxis in der frühen UdSSR und deren Rückwirkung auf die heutigen Debatten. 2009. S. 59
(6) Martin Dornis: Die Notwendigkeit einer kommunistischen Solidarität mit Israel. CEE IEH Newsflyer #158. Leipzig, 2008. http://www.conne-island.de/nf/158/24.html
(7) Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. Marx-Engels-Werke (MEW) 3, S. 35
(8) Adamczak: Gestern Morgen. S. 116f.
(9) Adamczak: Gestern Morgen. S. 139