Burschis anfechten! – Eine kurze Kritik der Ideologie studentischer Verbindungen

Heute ist es wieder mal so weit – wie zu jedem Semesterbeginn stehen Burschenschafter mit ihren Ständen vor der Mensa, ohne Zweifel wieder ausgestattet mit „Studentenmützen“, Bändern und den obligatorischen Bierkrügen. Vielleicht hat auch wieder der eine oder andere seinen Fechtdegen dabei.
Mit diesem Flyer will die Antifa-Hochschulgruppe Dresden Argumente dafür liefern, warum Burschenschaftern weder am Campus noch sonstwo Gelegenheit gegeben werden darf, für sich zu agitieren.
Dabei soll weniger auf die freundschaftlichen Beziehungen vieler Burschenschaften zur Naziszene eingegangen werden (nicht dass es die nicht gäbe – die Dresdner Cheruscia zum Beispiel lädt Antisemit_innen wie Reinhard Günzel zum Vortrag, auch der langjährige Protagonist der neonazistischen „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“ Alexander Kleber war Mitglied der Cheruscia und geht immer noch in ihrem Verbindungshaus ein und aus), sondern vielmehr eine Kritik ihrer grundlegenden Ideologie geleistet werden.

Allgemeine Kritik an Burschenschaften

1. Elitenförderung

Burschenschaften vertreten die Auffassung, dass nur durch einen Lebensbund, dessen zentrale Funktion die Reproduktion gesellschaftlicher Eliten ist, echte Akademiker_innen hervorgebracht werden. Ältere Verbindungsmitglieder, welche sich bereits materiell abgesichert haben, protegieren jüngere Mitglieder, um diese ebenfalls in höhere Positionen zu hieven.
Dies ist allerdings nicht als Selbstzweck oder Akt der Wohlfahrt misszuverstehen: Mit der Förderung einer zukünftigen Elite wird darauf abgezielt, die politische Ideologie der Burschenschafter weiterhin führend im gesellschaftlichen Diskurs zu verankern.

2. Diskriminierung

Burschenschaften zeichnen sich durch ihr besonders (hetero-)sexistisches Geschlechterbild aus: Von Männern werden klassische Rollenstereotypen wie Ehre, Stärke, Mut und Gehorsam erwartet. So gehört es beim Großteil der Burschenschaften zu den Anforderungen, Wehrdienst geleistet zu haben und sich bei den regelmäßig stattfindenden Kneipen ohne Widerrede auf Befehl halb ums Bewusstsein zu trinken.
Von diesen Freuden prinzipiell ausgeschlossen werden Nicht-“Deutsche“, Homosexuelle und Frauen – speziell deren Rolle beschränkt sich im Weltbild der meisten Burschen auf die des schmückenden, vor allem aber stummen Beiwerks.

3. Hierarchische Strukturen

In Burschenschaften herrscht ein starkes hierarchisches Prinzip vor, die Mitglieder müssen sich ihren Platz in der Gemeinschaft erarbeiten, so steigt mensch nach bestimmten Prüfungen und in bestimmten Zeiträumen auf. Es herrscht ein Untertanenprinzip vor, Autoritäten werden weitgehend anerkannt und nicht in Frage gestellt. Es gilt „nach oben buckeln und nach unten treten“.
Neben diesen internen Hierarchien und „Erziehungsmitteln“ wie dem Fechten von Mensuren sind Burschenschafter streng festgelegten Vorschriften unterworfen. Beispiele hierfür sind die regelmäßig stattfindenden Kneipen oder die einheitliche Kleidung, die das Eingliedern in vorgegebene Strukturen und das Unterordnen in einer konstruierten Gemeinschaft verstärken sollen.

4. Geschichtsrevisionismus

Burschenschaften und Corps treten oft geschichtsrevisionistisch und gebietsrevanchistisch auf.

So ist beispielsweise in der Satzung der „Deutschen Burschenschaft“ (DB) zu lesen, sie fordere das „Recht jedes einzelnen und jedes Volksteiles auf seine angestammte Heimat und auf die Selbstbestimmung über seine staatliche Zugehörigkeit.“
Dass damit in erster Linie auf die Zwangsumsiedlung der deutschen Minderheiten in den ehemaligen „Ostgebieten“ Nazi-Deutschlands angespielt werden soll, wird schon allein durch die Affinität zu revanchistischen Gruppierungen wie dem „Bund der Vertriebenen“ deutlich.
Genau wie dieser blendet die DB den Kontext der Umsiedlungen, nämlich die nahezu kollektive Unterstützung und Mitschuld eben dieser deutschen Minderheit am nationalsozialistischen Massenmord und die durch den zweiten Weltkrieg ausgelösten Flüchtlingsbewegungen nach Polen und Tschechien, vollkommen aus.

Der Dachverband „Deutsche Burschenschaft“

Es existieren zwei unterschiedliche burschenschaftliche Dachverbände, darunter die 1950 wieder gegründete „Deutsche Burschenschaft“, ihr unterstellt sind 120 Burschenschaften, darunter 20 österreichische, mit insgesamt 15.000 Mitgliedern.
Ein Richtungsstreit über die Forderung nach der Angliederung „deutscher Volksgruppen“ an das deutsche „Mutterland“ führte 1996 zur Abspaltung der „Neuen Deutschen Burschenschaft“ (NDB) von der DB, mit der Folge, dass diese radikale Position in der DB gestärkt wurde. So konnten 1996 die rechtsextremen „Staatsbriefe“ aus München zufrieden konstatieren, dass in nahezu allen Verbindungen der DB Verbandsbrüder anzutreffen wären, „die in irgendeiner Form national oppositionell“ gesinnt sind. In der „gemäßigteren“ NDB sind 21 Burschenschaften mit rund 4000 Mitgliedern organisiert.
Vereint sind beide Dachverbände jedoch in der völkischen Ideologie als Grundlage ihres Denkens. Getreu dieser gilt für sie nicht als „deutsch“, wer die entsprechende Staatsbürgerschaft vorweisen kann, stattdessen werden Abstammung und „Blutsrecht“ propagiert. Hieraus lässt sich wiederum der offen revanchistische Charakter der Burschen ableiten: da nach ihrer Ideologie automatisch deutsch ist, wer „deutschen Blutes“ ist, ergibt sich hieraus auch ein Anrecht auf Zugehörigkeit zur deutschen Nation und in der radikalen Ausformulierung die Anbindung von Gebieten mit „deutschen“ Minderheiten an das Staatsgebiet der BRD.
Nun soll hier keinesfalls einem modernisierten Nationalismus das Wort geredet werden, in dem zwar mittlerweile unrentable völkische Ideologeme abgelehnt, aber nach wie vor Menschen Kategorien von Nationalität und wirtschaftlicher Verwertbarkeit aufgeherrscht werden. Nichtsdestotrotz muss aufgrund der Greueltaten, die als Konsequenz der völkischen Ideologie von den Deutschen verübt wurden, diese entschieden abgelehnt und bekämpft werden.

Burschis anfechten – Vaterland versenken!
Nie wieder Deutschland!



Dieser Text wurde von der ahsg zum Vorstellungstag der Dresdner Verbindungen vor der Neuen Mensa als Flugblatt verteilt.