DNN-Journalistin verharmlost extrem rechte Studentenverbindung

In einem Artikel, der am Freitag, dem 3. Dezember unter dem Titel „Freiheit, Ehre, Vaterland – und Toleranz“ über die Dresdner „Burschenschaft Cheruscia“ auf der DNN-Jugendseite „JUGENDFREI“ erschien, berichtet die Autorin Tanja Kasischke wohlwollend über die „Studentenverbindung“ und unterschlägt Fakten, die deren offensichtlich rechtsextremen Charakter nachweisen. Kasischke setzt damit in krasser Art und Weise Verharmlosungstendenzen fort, die schon vor dem Einzug der NPD in den sächsischen Landtag massiv zu beobachten sind und letztlich den RechtsextremistInnen zu Gute kommen.

Die Berichterstattung hat mit Objektivität und journalistischer Professionalität nichts mehr zu tun. Kasischkes hehres Anliegen, Vorurteile auszuräumen, führt zu einem völlig unkritischen Beitrag. Eine Informationsrecherche fand nicht statt. Jegliche Kritik an dieser Studentengruppierung, die nachweislich mit Personen und Gruppen vom rechten Rand kooperiert, werden mit Begriffen wie „Vorurteile“ und „bissige Bemerkungen“ abqualifiziert, einzig den Burschenschaftlern wird ein öffentliches Forum in diesem Artikel geboten. Es hätte ein Blick in Artikel verschiedenster Medien sowie auf die website der Burschenschaft genügt, um einen seriöseren Beitrag zu schreiben.

So veranstalteten die „Cherusker“ am Donnerstag, dem 9.12. einen Vortrag „zum Ethos des Offizierskorps am Beispiel der Affäre Hohmann/Günzel“. In diesem Rahmen boten sie dem ehemaligen Bundeswehrgeneral und gleichzeitig Sujet des Vortrags – Reinhard Günzel, der, neben anderen Vorfällen, durch einen Solidaritätsbrief an den ultrarechten MdB Hohmann bekannt wurde, sich im Neonazi-Jargon als Opfer des „Krebsgeschwürs Political Correctness“ zu präsentieren. Das Publikum, darunter die „Cherusker“, feierten Günzel mit standing ovations. Zuvor hatte er in seinem Vortrag die „Tugenden“ der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gepriesen und ausdrücklich seine Sympathie für eine rechtsextreme Zeitung („Junge Freiheit“) bekundet.

Vom 28. Februar bis 1. März 1998 veranstaltete die Burschenschaft „AFV! Rugia Karlsbad“ und die rechtsextreme „Freie Deutsche Sommerakademie“ an der TU Dresden das „Winterkolleg Erkenntnisse der Militärgeschichte“. Für die lokale Unterstützung, sorgte, u.a. durch die Bereitstellung ihrer Räumlichkeiten auf der Eisenstuckstraße und durch zahlreiche Teilnahme, die „Burschenschaft Cheruscia“, die dahingehend sehr eng mit Hans-Holger Malcomeß, dem DSU-Rechtsaußen und Initiator der „Dresdner Freitagsgespräche“ kooperierte.

Zu den „Freitagsgesprächen“ versammelten sich regelmäßig geladene Gäste des gesamten Dresdner rechten Spektrums im „Ratskeller“, darunter Mitglieder der „Cheruscia“ und Mitglieder von NPD, DVU und den Republikanern. Malcomeß selber, der über hervorragende Kontakte zu den „Cheruskern“ verfügt, war außerdem in der, mittlerweile verbotenen, paramilitärischen und offen neonazistischen „Wiking-Jugend“ aktiv und schrieb für die Zeitschriften „Nation und Europa“ und „Junge Freiheit“. Im Rahmen des „Winterkollegs“ verbreiteten Bundeswehrgeneral a.D. Franz Uhle-Wettler und Bundeswehrprofessor Franz W. Seidler vor fast ausschließlich rechtsextremen Publikum geschichtsrevisionistische Thesen. Der wohlbekannte Neonazi Steffen Hupka betreute vor dem Hörsaal einen Büchertisch. Während des Winterkollegs waren in den Räumlichkeiten der TU eine Vielzahl rechtsextremer Schriften und Musik bekannter Neonazi-Interpreten erhältlich. Die DNN berichtete über den „Nazi-Skandal der Bundeswehr an TU Dresden“ und über „Braune Töne in einem Hörsaal der TU“ (beides DNN 4.3.98). Allerdings fehlte auch damals, im Gegensatz zu anderen Medien, der Verweis auf die Beteiligung der „Burschenschaft Cheruscia“.

Die Faktenlage beweist eindeutig den rechtsextremen Charakter der Burschenschaft, es ließen sich noch einige Beispiele anführen. Die Antifa Hochschulgruppe fordert das öffentliche Eingeständnis der DNN, sich mit diesem Artikel einen bedenklichen faux pas geleistet zu haben, sowie einen weiteren Beitrag zu diesem Thema, der die diffamierten kritischen Stimmen mit einbezieht.
Wir fordern außerdem, dass die Berichterstattung über rechte Tendenzen den Fakten gerecht wird. Blosse Lippenbekenntnisse „gegen Rechtsextremismus“ sind überflüssig.

Antifa Hochschulgruppe

Der DNN-Originalartikel:


Freiheit, Ehre, Vaterland – und Toleranz

Burschenschaften haben nicht unbedingt das beste Image: Sie gelten vielfach als altmodisch, wenn nicht gar nationalistisch. Schluss mit den Vorurteilen, meint Jugendfrei-Mitarbeiterin Tanja Kasischke nach einem Besuch der Dresdner Burschenschaft Cheruscia.

Der junge Mann hilft seiner Begleiterin in den Mantel, hält ihr die Tür auf, lässt sie zuerst ins Freie treten. Ein seltenes Bild, heute sind Kavaliere meist Männer älteren Semesters. Meist. In der Dresdner Burschenschaft Cheruscia sind gute Umgangsformen bindend, auch für die jüngeren. Traditionell: ja; antiquiert: nein. Die älteste Studentenverbindung der Stadt bemüht sich um ein Bild ohne alte Hüte. Ihre Mitglieder sind gewöhnliche Studenten und sehen sich als Vereinsanhänger. Es gibt Ämter, Vorstand, Jahresbeiträge. Aktive und Ehemalige betreuen das Vereinshaus und organisieren Treffen.

Wäre da nicht das klischee-beladene Bild der schlagenden Verbindung, mit denen die Cheruscer ringen. Nicht zuletzt, weil in ihrem Haus gepaukt wird, was heißt: gefochten. Jedes Mitglied lernt den Umgang mit der Waffe und bekommt wenigstens einmal eine scharfe Klinge in der Hand. Trotzdem trägt kein Bursche Narben davon, „weil es beim Fechten nicht darum geht, dem Gegenüber etwas anzutun“, betont Sven Weihmann. Der 28-jährige Student der Wirtschaftsinformatik sieht darin nur einen Sport, regelmäßig fechte nur, wer möchte. Keiner der zwölf TU- und HTW-Burschen besitzt einen eigenen „Glockenschläger“. Gepaukt wird mit der Ausrüstung der Verbindung. Die Waffe zur Galauniform ist im Gemeinschafts-Fundus deponiert, die Klinge stumpf, sie dient bloß der Repräsentation, erklärt Ulf Ahrens.

Dass die Studenten eine Waffe tragen dürfen, ist ein historisches Privileg. Ein kaiserlicher Erlass erhob sie so vor 300 Jahren in einen höheren Stand. Gebrauch machten die Männer von der Waffe nur, wenn ihre Ehre oder die Heimat in Gefahr waren, etwa im Freiheitskampf 1848. Die Dresdner Cheruscia, gegründet 1861, hat diese Werte bis heute im Wappen: Freiheit, Ehre, Vaterland.

Jüngere Kommilitonen begegnen den Burschenschaftlern offen: „Die Verbindung ist eine Plattform wie andere Unigruppen auch“, findet TU-Informatikstudent Sebastian, „rechts sind die nicht.“ Aber Ulf Ahrens und Sven Weihmann mussten auch schon bissige Bemerkungen ertragen, als sie auf dem Campus für ihre Sache warben. Die nationalistische Deutung ihrer Werte lehnen beide strikt ab: „Wir könnten uns genauso Toleranz auf die Fahne schreiben.“

Aufgaben und Erscheinungsbild der Burschen sind heute eben anders als früher. Statt Mensuren zu fechten, setzen sich die Cheruscer für soziale Belange ein, zum Beispiel als Helfer während der Jahrhundertflut vor zwei Jahren, und sie engagieren sich hochschulpolitisch. Die wenigsten Kommilitonen merken ihnen die „Vereinsmitgliedschaft“ an, denn sie verzichten außerhalb der Verbindung auf jene schwarz-rot-goldenen Bänder, die jeder Bursch quer über der Brust trägt. Lediglich ihr „Zipfelbund“, ein Bündel bunter Bänder, baumelt am Gürtel und kennzeichnet sie als Verbindungsstudenten.

Nach außen unsichtbar ist auch das enge soziale Netz, das die Burschen in Dresden spinnen: Ältere Mitglieder unterstützen die jungen im Studium, von der Zimmersuche bis zum Bewerbungsschreiben. Ein Verbindungsstudent tritt als junger „Fuchs“ ein, wird nach zwei Semestern zum Burschen und damit endgültig in die Verbindung aufgenommen, und bleibt seinem Haus nach dem Studium als „Alter Herren“ verbunden. Kurt Beyer und Werner Gruner, Alt-Rektor der TU, waren Cheruscia-Burschen. Auf 140 Angehörige der Dresdner Hochschulen bringt es die Cheruscia seit ihrer Wiedergründung in Aachen 1990. In der DDR war die Verbindung verboten.

Nahezu alle Cheruscer sind liiert. Frauen bleibt der Zutritt zur Burschenschaft nicht verwehrt, auch wenn sie keine Mitglieder werden dürfen. Seine Freundin sei mit der „Vereinszugehörigkeit“ einverstanden, meint Sven Weihmann. Auch seine Eltern haben nichts gegen die Verbindung. Anders als der 19-jährige Ulf Ahrens, der über Freunde aus Göttingen zur Burschenschaft stieß, entschied sich der gebürtige Dresdner Sven Weihmann zufällig für die Cheruscia. Ein Dritter im Bunde, Felix Schikorski, stammt aus einer Burschenschafter-Familie. Schon sein Vater war Verbindungsstudent. Die Wege und Lebensläufe der Cheruscer sind vielfältig, „wir sind ein bunt gemischter Haufen“, versichert Sven. Das war auch schon früher so: Der germanische Stamm der Cherusker, dessen Name die Burschenschaft trägt, ging im Zuge der Völkerwanderung vor etwa 1800 Jahren im Stammesverband der Sachsen auf.

Dresdner Neueste Nachrichten vom 03.12.2004